Butschkow´s Blog



Enkeltrickglück

Autor: Butschkow am 02.11.2018


Mein Telefon klingelt, ich gehe ran. Eine aufgeregte Frau bittet mich, ihr unbedingt zuzuhören, es ginge um Leben und Tod. Darum geht es täglich, antworte ich und will gelangweilt auflegen, aber sie lässt nicht locker. Ich verstünde wohl nicht richtig, insistiert sie resolut, es ginge nicht um mein Leben, sondern um das Leben meines Enkels. „Was ist mit ihm?“, frage ich neugierig. Er hätte sich in einem dubiosen, neapolitanischen Hinterzimmer auf Glücksspieler eingelassen und sei nun schwer verschuldet. „Wer braucht denn so was?“, frage ich kopfschüttelnd. „Was er braucht, ist Hilfe!“ zischt sie, wenn er die 50.000,- Euro Spielschulden nicht bis morgen auftreiben würde, stünde es schlimm um ihn. Jeder weiß, wozu solche Leute fähig sind, ich sei seine letzte Rettung, hätte er gesagt. „Oha“, bemerke ich. Aber, und das sei ihr uneigennütziges Angebot, sie könne mir helfen, sagt sie, ich brauche nur 50.000,- Euro abheben und ihr unverzüglich bar an meiner Haustür zu übergeben, sie würde das Geld umgehend an die Leute weiterleiten, versprochen. „Sehr freundlich“, sage ich gerührt, „allerdings verfüge ich über kein Konto mit 50.000,- Euro.“ „Keine 50.000,- Euro?“, fragt sie noch mal nach. „Nein“, bestätige ich wahrheitsgemäß. „Auch 30.000,- würden vielleicht reichen“, sagt sie nach kurzem Nachdenken. Muss ich leider auch abschlägig bescheiden: „Auch keine 30.000,- Euro.“ „Gibt´s doch nicht“, stöhnt sie fassungslos, „dann 10.000,- Euro, damit kommen wir auch schon weiter.“ „Bei aller Liebe“, sage ich, auch keine 10.000,- Euro. „5000?“, fragt sie hörbar entsetzt. Ich bitte sie daraufhin, einen Moment zu warten: „Ich hole schnell mal meine Kontoauszüge.“ Gleich darauf bin ich wieder am Telefon. „2.467,30 Euro“, lese ich ihr von meinem aktuellen Kontoauszug vor. Sie ächzt: „Mein Gott, es geht um das Leben Ihres Enkels – also gut, immerhin etwas, dann bringen Sie mir diese Summe, umgehend!“ „Sie haben mich nicht richtig verstanden“, sage ich freundlich, „das sind 2.476,30 Miese.“ Ich spüre ihre Verzweiflung hautnah. „Nein! Das ist ja furchtbar!“ „Ich sag´s Ihnen“, bestätige ich, „ich kämpfe täglich ums Überleben, sagte ich doch.“ Sie ist restlos erschüttert, ich höre sie schwer atmen, wie mir scheint, auch leise schluchzen. Nach einer kurzen Pause fragt sie mich mit leicht zitternder Stimme, ob ich damit einverstanden wäre, wenn sie mir unten an meiner Haustür diskret 50.000,- Euro überreichen würde? Ich zögere noch ein wenig, bin dann aber einverstanden „und in zwei Minuten unten“. Dass ich überhaupt keinen Enkel habe, spielt ja jetzt auch keine Rolle mehr.