Butschkow´s Blog



Käsekuchen mit Damals

Autor: CIS am 06.01.2017


Unsere Nachbarn haben uns zum Kaffee eingeladen. Nette Familie, vor allem Paul, ihr zweiundneunzigjähriger Opa. Kleiner, zarter Mann. Läuft schlecht, hört schlecht aber ist noch gut im Kopf. Er war im Zweiten Weltkrieg Sanitäter und zerrt uns gleich gnadenlos an die Front. Blut, abgerissene Gliedmaßen, die Schreie der Verzweifelten. „Man schaltet ab, wissen sie“, sagt er. Mich hat er allerdings eingeschaltet. Ich stochere verstört in meinem Käsekuchen. Er schleift uns über Trümmer in die Bunker, erzählt von Bomben, Granaten und geschändeten Frauen. Mir wird übel. Paul redet und redet, als wäre damals erst gestern gewesen. Ich bin randvoll mit Entsetzen und versuche verzweifelt seinen Bildern zu entkommen. „Der Käsekuchen ist köstlich“, sage ich zur Gastgeberin. „Wenn man Hunger hat, isst man alles“, sagt Paul. „Danke, Opa, sehr nett“, sagt sie Gastgeberin. Alle lachen. Tut auch mal gut.