Butschkow´s Blog



Bierselig

Autor: Butschkow am 26.07.2019


Vor vierzig Jahren war ich das letzte Mal im Sterntaler. Ich erinnere mich noch an den saufseligen Abschiedsabend. Ein alter Kumpel, ehemaliger Architekturstudent, hatte die Kneipe übernommen. Bei ihm wusste ich dieses gastronomische Juwel in besten Händen, sonst hätte ich Berlin auch nicht verlassen. Und nun stehe ich erinnerungstrunken am frühen Abend im Sommer 2019 vor dieser Eckkneipe in Steglitz, bei der im Laufe der langen Jahren der Efeu die Fassade fast komplett überwuchert hat. Ich öffne gespannt die Eingangstür und wittere sofort wieder die altbekannte Melange aus Bier und Zigaretten. Früher spürte ich auch noch Sex. Also das klassische Threesome des Rock´n Rolls. Ich sehe die Geister meiner alten Freunde, wie sie pokern, flippern oder Poolbillard spielen und immer ein frisches Bier und eine Kippe in der Hand halten. Ja, die hintere Hälfte des Ladens gehört hier in gastronomischer Treue immer noch den verrufenen Rauchern. Mir scheint, nichts, absolut nichts hat sich in diesen Räumen seit vierzig Jahren verändert; ich steige aus einer Zeitmaschine. Hinter dem Tresen steht ein freundlicher, leicht gebeugter älterer Herr mit dicker Brille und grauem Haar. Er ähnelt verdammt Hanne, dem alten Kumpel und Wirt von damals. Kurz bevor ich ihn fragen will, ob ich mal seinen Sohn sprechen kann, stelle ich fest: Es ist Hanne! Wir starren uns lange an. Dann fragt er: „Peter?“ Ja, ich bin es. Auch er hat offenbar den Eindruck, ich sei vierzig Jahre älter geworden. Nun gut, die langen, schwarzgelockten Haare sind einem silbernen Kurzhaarschnitt gewichen, aber ansonsten habe ich mich eigentlich kaum verändert, finde ich in befangener Selbstwahrnehmung. Hanne in seinem ruhigen, freundlichen Wesen aber auch nicht. Und sein gedrechseltes, verkramtes Buffet mit der alten aufgetürmten Hi-Fi-Anlage und den verstaubten Musikkassetten auch nicht. Sogar die Lautsprecheranlage ist von damals und spielt noch genau den gleichen, zeitlosen Blues in unverändert brillanter Qualität - und das ziemlich laut, wie mir scheint. Nachdem Hanne mich drei Mal „Pils?“ fragt, weiß ich warum. In mir genieße ich irre Gefühle. Die ganze Kneipe ist ab 1980 erstarrt. Der Wahnsinn. Nach jedem dritten Bier zapft Hanne eins für sich, geht damit ruhig nach nebenan in die Raucherzone und dreht sich eine. Ich bin stolz auf Hanne. Er zieht´s voll durch. Auf einer Schiefertafel an der Wand steht „Gulaschsuppe“. „Leider aus“, sagt Hanne. Und darunter, die „Thaisuppe“? „Auch aus.“ „Aber die Bouletten gibt´s doch noch?“, will ich wissen. Macht er schon seit Jahren nicht mehr. Lohnt sich nicht. Ich habe verstanden: Die Schiefertafel gehört zum Gesamtkunstwerk dieser Kneipe. Mein Großneffe, der mit dabei war, hat am nächsten Tag in seiner Firma vom Besuch in dieser Kneipe erzählt. Sie konnten es kaum glauben und wollen alle unbedingt diesen Hammerladen sehen und diesen gastronomischen Helden aus einer längst versunkenen Zeit kennenlernen. Nehmt euch belegte Brote mit, Jungs.