Butschkow´s Blog



Alles sieht so westlich aus

Autor: Butschkow am 19.12.2019


Weihnachten

Das Weihnachtsfest meiner Kindheit spüre ich bis heute. Der strahlende Baum, der Duft der bunten Teller, der Zauber der aufgestapelten Geschenke - und die Erwartungshaltung meiner festlich gekleideten Familie, dass ich mein Gedicht aufsage. Liebend gern hätte ich darauf verzichtet, aber es war wohl ein alter Brauch, den sie liebten. Dabei hatte ich bis Minuten vor der Bescherung noch damit zu tun, meine von mir laubgesägten, bemalten Schlüsselbretter fertigzustellen und die feuchten Werke in Geschenkpapier zu verpacken. Und dann stand ich nun da, dünnbeinig in kurzen Hosen und mit roten Ohren vor dem Weihnachtsbaum vor einer Front gerührter Familienmitgliedern und begann mit zitternder Stimme: „Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus, singend geh ich durch die Gassen...“ Mein Mutter soufflierte leise „Sinnend, sinnend“, ich war aber viel zu aufgeregt, um auf sie zu hören, außerdem wollte ich diese lästige Vorführung dringend zu Ende bringen, also fuhr ich fort: „Alles sieht so westlich aus...“ Meine Mutter raunte: „Festlich, festlich.“ Am liebsten hätte ich zu ihr „Wenn du alles besser weißt, dann sag doch dein Gedicht selber auf“ gesagt, aber meine strenge Erziehung untersagte mir das. Also machte ich weiter: „An den Fenstern haben Frauen...“ Und dann hörte ich auf. Ich wusste den Text nicht mehr. Betäubt von den Düften und der ganzen Aufregung – womöglich auch von den ganzen Unterbrechungen - war in meinem Köpfchen nur noch Leere. Meine Mutter wiederholte leise „An den Fenster haben Frauen...hm?...haben Frauen buntes, was? Hm? Was haben die Frauen...hm? Spielzeug... haben Frauen buntes...na?“ Bei mir ging nichts mehr. Ich stotterte „B-b-bunte Frauen...äh, Frauen haben...“ „Nein, an den Fenstern haben Frauen...hm?“, meine Mutter schwitzte. „An den, an den Fenstern putzen Frauen...“, ich war völlig durch den Wind. Schlussendlich erbarmte man sich an diesem Heiligen Abend in Liebe und Güte meiner und gab mir den Weg zu den Geschenken frei. Bis ich groß war wiederholte sich dieser Auftritt alle Jahre verbindlich wieder und ich schwöre, ich bin immer an der selben Stelle hängengeblieben. Niemals hat meine Familie von mir dieses Gedicht im Leben jemals komplett gehört, fast alle sind also mit dem unerfüllten Wunsch nach dichterischer Vollendung verstorben. Mein Vater sagte damals noch: „Also Schauspieler wird er nicht.“ Womit er richtig lag.