Butschkow´s Blog



Eitelkeit

Autor: Butschkow am 17.04.2020


Eitelkeit

Alle Menschen haben zwei Seiten, innerlich eine gute und eine böse, äußerlich eine hässliche und eine schöne, Letztere auch bekannt unter dem Begriff „Schokoladenseite“. Porträt-und Hochzeitsfotografen kennen sie nur zu gut, durften sie doch unter allen Umständen für ihr Honorar die Personen nur von ihrer Schokoladenseite ablichten, gegebenenfalls, wenn es keine gab, mit Retusche nachhelfen, d.h. ausflecken, verkleinern, verkürzen oder vergrößern. Aus der Ente wurde ein Schwan, aus dem Esel ein Lipizzaner. Hauptsache, der Kunde war mit dem Ergebnis zufrieden. Nun schwankt auch diese Berufsgruppe unter der Wucht der digitalen Veränderungen, mehr und mehr macht sich jeder mit seinem Handy seine Fotos selber, korrigiert sie per Fotobearbeitung und stellt sie unreflektiert und selbstverliebt ins Netz. Die Welt soll ihn sehen, den Sonnenuntergang, den Blumenkohlauflauf, den Besuch von Oma, den gut verheilten Leistenbruch, den Pickel an der Backe, den toll erzogenen Hund, den neuen E-Scooter – vor allem sich oder sie selbst! Ich erkenne meine alten Freundinnen/Freunde und Bekannte in den sozialen Netzwerken auf ihren Fotos kaum wieder. Selbst die trübsten, weiblichen Funzeln sind plötzlich betörend und sexy, die blassesten Hänflinge plötzlich unwiderstehlich und elektrisierend. Beeindruckende Fett- und Faltenlosigkeiten gipfeln in hymnischen Reaktionen: „Ein Traum“, „Du siehst super aus“, „Süüüüß“ oder „Oh my god, bist du hübsch“. Irgendwie habe ich auch den Eindruck, dass alle jungen Mädchen im Netz gleich aussehen, wie von der internationalen Kosmetikmafia durch eine Schablone gepresst. Bei wem rein gar nichts mehr rauszuholen ist, der stellt einfach ein Jugendfoto rein und kassiert daraufhin ein berauschendes „Du hast dich ja gar nicht verändert.“ Ich stelle natürlich auch nur Fotos von mir ins Netz, wo ich aussehe wie Brad Pitt. Selbstbetrug ist einer meiner leichtesten Übungen.